Startseite » Zustand Fliessgewässer

Der Zustand der Schweizer Fliessgewässer

Die Gründe für den Artenrückgang der Schweizer Fische sind vielfältig. Eine wichtige Rolle spielt die Veränderung des Lebensraumes der Wasserorganismen. Durch bauliche Eingriffe in die natürliche Dynamik der Fliessgewässer wird in der Schweiz schon seit mehr als hundert Jahren die Flusslandschaft enorm verändert: Begradigungen zur Landgewinnung, Verbauungen für die Infrastruktur, Bauten für den Hochwasserschutz und nicht zuletzt die Wasserkraftnutzung für die Energiegewinnung haben die Flüsse in isolierte Kleinteile zerstückelt.

Eine gute Zusammenfassung über die zahlreichen Gefährdungen und Einflüsse auf die Schweizer Gewässer finden Sie in der „Standortbestimmung zur Fischerei in Schweizer Seen und Fliessgewässer“ vom 30.01.19.

Ökomorphologischer Zustand

Unter Ökomorphologie versteht man die Struktur eines Lebensraumes. In Bezug auf die Fliessgewässer umfasst der Begriff die Beeinflussung durch den Menschen, die Beschaffenheit des Ufers, der Sohle, des Umlandes und die Vernetzung.
Das Schweizer Gewässernetz umfasst, erhoben im Massstab 1:25’000, etwa 65’000 Kilometer Fliessgewässer. In den vergangenen Jahrzehnten wurde der morphologische Zustand der Flüsse erhoben und mit einer einheitlichen, 5-stufigen Bewertung dokumentiert. 

Zustand des FliessgewässersBetroffene Länge in kmBetroffene Länge in %
natürlich, naturnah 35'00054
wenig beeinträchtigt16'00024
stark beeinträchtigt7'00010
künstlich, naturfremd3'0005
eingedolt4'0007

Demnach gelten knapp über die Hälfte der Fliessgewässer in der Schweiz als naturnah und nahezu ein Viertel sind als wenig beeinträchtigt kartiert. Für die Fische sind insbesondere die roten Klassen problematisch, welche zusammen 22 % aller Schweizer Fliessgewässer ausmachen. Die Verteilung der Klassen über die Schweiz ist sehr inhomogen. In Siedlungen sind 81 %, im Landwirtschaftsgebiet 48 % und im übrigen Gebiet 7 % der Fliessgewässer in einem schlechten Zustand.

Hindernis nach Hindernis

Neben dem allgemeinen Zustand der Gewässer spielt die freie Durchgängigkeit für die Fische eine besonders grosse Rolle. Diese beinhaltet neben der linearen Vernetzung entlang des Flusslaufes auch die laterale Vernetzung der Hauptgewässer mit kleineren Nebengewässern. Nach einer Hochrechnung des Bundesamtes für Umwelt gibt es in der Schweiz ca. 101’000 künstliche Hindernisse mit einer Höhe von über 50 cm. Das sind im Durchschnitt 1,6 Hindernisse pro Gewässerkilometer. Kleinere Hindernisse gibt es noch unzählige mehr. Je nach Fischart sind Abstürze und Stufen ab einer Höhe von 20 – 50 cm eine unüberwindbare Barriere. Damit ist klar: Je mehr Hindernisse die Fische flussaufwärts überwinden müssen, desto weniger schaffen es, desto kleiner ist also ihr Lebensraum geworden.

Der Lachs als trauriges Beispiel

Ein sehr anschauliches Beispiel für die Problematik der Hindernisse bietet der Atlantische Lachs. Wurde er früher in Hülle und Fülle gefangen so ist er mit dem Bau der Kraftwerke am Rhein in der Schweiz in den 30er Jahren ausgestorben, da sein Weg vom Meer zu uns versperrt wurde – siehe Grafik.1

 

 

Mit grosser Anstrengung wird nun versucht den Lachs wieder bei uns anzusiedeln. Dazu werden jährlich Lachseier und -brütlinge in unseren Gewässern ausgesetzt, in der Hoffnung, dass der Lachs eines Tages wieder bei uns heimisch ist. 
Siehe dazu auch: Salmon Come Back.

Man darf dabei nicht vergessen, dass der ursprüngliche Schweizer Lachs mit seinem evolutionär einzigartigen Erbgut für immer ausgestorben bleiben wird! Die „neuen Schweizer Lachse“ sind eine genetische Mischung aus den noch bestehenden Lachsbeständen in Frankreich und Deutschland sowie mit der Zeit aus den Rückkehrern.


Weissmann, H.Z., Könitzer, C. & Bertiller, A. (2009). Strukturen der Fliessgewässer in der Schweiz. Zustand von Sohle, Ufer und Umland (Ökomorphologie) – Ergebnisse der ökomorphologischen Kartierung. BAFU, Bern.
1) Peter, A., Lubini-Ferlin, V., Roulier, C. & Scheidegger, C. (2010). 6 Gewässer und ihre Nutzung. In: Lachat, T., Pauli, D., Klaus, G., Scheidegger, C., Vittoz, P. & Walter, T. (Hrsg.) Wandel der Biodiversität in der Schweiz seit 1900. Ist die Talsohle erreicht? (S. 196-223). Bern: Haupt Verlag.